Faust

Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe
 
"Habe nun, ach!" Philosophie, Juristerei, Medizin, Theologie - viel hat Faust studiert, um das Wesen der Welt und den Sinn des Lebens zu begreifen. Doch nichts konnte ihm eine befriedigende Erkenntnis verschaffen. So wird der ewig Suchende zu einem willkommenen Spielzeug für Mephisto. Der hat mit Gott gewettet, dass es ihm gelingen wird, Faust vom rechten Weg abzubringen und nun führt er ihn aus seiner beschränkten Welt zu ganz neuen Versuchungen. Und nicht zuletzt zu Gretchen …
 
Fast sein ganzes Leben hat Goethe sich mit dem Faust-Stoff beschäftigt. Sein «Faust» ist eines der größten Werke deutschsprachiger Dichtung, vor allen Dingen aber großes Theater: Eine Reise "vom Himmel durch die Welt zur Hölle" auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
 

Inszenierung: Thomas Oliver Niehaus

Musik: Patrick Schimanski

Bühne: Geelke Gaycken

Kostüme: Alice Nierentz

Dramaturgie: Sibille Hüholt

Regieassistenz: Kirsten Söhl
 
 
BESETZUNG
 
Faust: Andreas Möckel

Mephistopheles: Martin Bringmann

Wagner: Walter Schmuck

Margarete: Meret Mundwiler

Marthe Schwerdtlein: Sascha Maria Icks

Valentin: Walter Schmuck

Lieschen: Isabel Zeumer
 
 
PRESSESTIMMEN
 
"Der "Faust", den Thomas Oliver Niehaus in Bremerhaven am Stadttheater inszeniert hat, ist so gar kein mittelalterlicher Gelehrter. (…) Und das ist schlüssig, weil sich das Problem des alten Faust, das sich auf den Begriff der Sinnsuche bringen lässt, bekanntlich ein Dauerbrenner in der Gesellschaft ist, in der wir leben. (…)
Was Faust bei der Suche nach dem Glück im Wege steht, wird eher angedeutet. Zwei Pfeile, die auf die Figuren zeigen, sie zugleich einrahmen, sie zusammendrängen, einengen, ließen sich, ebenso wie die Choreinsätze des Ensembles (gesprochen und gesungen), als Hinweis auf den Charakter des Menschen als Ensemble seiner gesellschaftlichen Umstände deuten, um es mal mit dem guten alten Marx zu sagen.
Zugleich ist es natürlich Faust selbst, der sich im Wege steht. Andreas Möckel zeigt ihn launisch, selbstverliebt, elitär, hin und her gerissen, immer wieder resignierend - und weltfremd (…).
Kein Wunder, dass der sarkastische Verführer Mephistopheles (Martin Bringmann) regelmäßig an ihm verzweifelt, ihn dank eines Charmes, der an den jungen Paul Newman erinnert, aber immer wieder auf die Spur setzt. Jene Spur, die ihn zielsicher zum Gretchen führt. Und die ist wohl der größte Genuss des Abends: Der Bremerhavener Neuzugang Meret Mundwiler zeigt uns die stille Einfalt der jungen Frau, die sich ja immerhin gegen gleich zwei ausgewachsene Alphatierchen behaupten muss, geradezu zum Niederknien, kunstvoll ungekünstelt, klar im Ausdruck - zweifellos die stärkste Leistung im Ensemble.
In jeder Hinsicht sperrig, aber durchaus gelungen ist Geele Gayckens Bühnenbild. Die riesige Schrankwand mit umfangreicher Karteikästensammlung zeigt sich nach dem hier blutsbrüderlichen Pakt zwischen Faust und Mephisto in seiner ganzen Pracht und scheint zu sagen: Dieser Faust ist - bei all seiner Rücksichtslosigkeit - ein Papiertiger. (…)
Patrick Schimanski schließlich hat dazu eine Musik produziert, die zwischen knusprigem Ambient und gelegentlich brachialen Industrial-Klängen die Szenerie subtil unterstreicht. Ein interessanter Faust also, mit sprödem Witz und sehenswerten Schauspielern."
( www.nachtkritik.de, 05.11.2011)
 
"Vor dem Vorhang oder eng zwischen zwei Pfeilern in der Reihe stehend, sprechen seine sechs Akteure die großen Worte ehr gelassen aus. Als Klammer dient dabei ein Zitat des Schriftstellers Jonathan Franzen: "Aber wenn man rausgeht, besteht die sehr reale Gefahr, zu lieben. Und wer weiß, was dann mit einem geschieht?"
Unter dieser Prämisse kann das Spiel beginnen. Andreas Möckel ist als Faust ein getriebener Jetzt-Mensch, der erst in der Liebe den Ausweg aus seinem rationalen Dasein erkennt. Martin Bringmanns Mephisto ist weniger diabolisch, als vielmehr welterfahrener Animateur, Meret Mundwiler bastelt sich als großartige Margarete das verführerische Schmuckkästchen selbst und horcht in der Wiederholung der eigenen Naivität nach: "Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit nach Hause geh`n."
Auch Sasha Maria Icks, Isabel Zeumer und Walter Schmuck treten immer wieder in verschiedenen Rollen aus dem zuweilen gegeneinander oder versetzt sprechenden, vor der berühmten "Gretchenfrage" gar verstummenden Chor hervor - eine absolut überzeugende Ensemble-Leistung.
Natürlich wird im Verlauf des Stückes die gesamte Bühne und ihre Technik genutzt, "Auerbachs Keller" ist eine im Disko-Beat ruckende Schrankwand, die "Walpurgisnacht" auf eine gespenstisch rotierende Kulisse reduziert. (…)
Man kann die Tragödie, wie in Hamburg geschehen, als achtstündigen Theater-Marathon inszenieren. Man kann "Faust" aber auch als Textdestillat und Theatererlebnis in unter zwei Stunden präsentieren und trotzdem einen lang anhaltenden Premierenapplaus einfahren."
(SJ, 13.11.2011)
 
"Mehr als sechs Akteure braucht Regisseur Thomas Oliver Niehaus nicht, um das wuchernde Stück in eine Stunde und 45 Minuten zu zwingen. Auf geht's: "Faust" im Schnelldurchlauf. (…)
Der Bremerhavener Faust (bezwingend: Andreas Möckel) ist angekommen in der Postmoderne. (…) Zum Verweilen bleibt keine Zeit, er hastet durch die Tragödie erster Teil. (…)
Dem blendend aufspielenden Ensemble - in den Hauptparts: Möckel, Martin Bringmann, Meret Mundwiler, in den Nebenrollen: Sasha Maria Icks, Walter Schmuck und Isabel Zeuner - gelingt das Kunststück, das Wenige in ein Mehr zu verwandeln. Bei ihrem furios chorischen Sprechkonzert, untermalt mit Gesängen (Musik: Patrick Schimanski), formen sie aus dem Schulbuch-Klassiker fast ein antikes Drama, das an Niehaus' grandiosen Einstand mit "König Ödipus" vor einem Jahr erinnert. (…)
Ansonsten wird Faust hier nicht auf die Probe gestellt, sondern erprobt sich selbst - bis zum Extrem, der Vernichtung anderer. Ihn dürstet es weniger nach Erkenntnis, sondern nach Abwechslung. Gretchen (eine Entdeckung: Meret Mundwiler) glaubt seinen Liebesschwüren, weil sie sie glauben will. (…)
Mephisto hat längst nichts Diabolisches (Kostüm: Alice Nierentz) mehr an sich. Bringmann gibt ihn als zeitgenössischen Seelenverkäufer, als einen Animateur des grenzenlosen Vergnügens, immer routiniert und gutgelaunt."
(NZ, 07.11.2011)